Ein Gefühl wie Weite

Folgende Mitschrift wurde mir von einer Klientin zur Verfügung gestellt, die den Sprachfindungsprozess selbstständig durchgeführt hat, nachdem ich ihr eine kurze Anleitung gegeben habe.

Ich starte in den Prozess mit einem vagen Gefühl, das vor wenigen Wochen durch ein reales Erlebnis, eine Begegnung, geweckt wurde und beginne mich durch den Stapel Karten zu blättern und spüren. Dabei beobachte ich subtile Regungen in Bauch und Brust und lasse mich voller Vertrauen von diesen feinen Intuitionen leiten. Ich pendle zwischen zwei Karten hin und her, entscheide mich aber schließlich für das Sinn-Bild mit der Nummer 89, weil ich hier die stärkste Reibung und einen Hauch von Euphorie in mir spüre.

Jetzt beginne ich mit dem Ausfüllen des Auswertungsbogens.

Beschreibung der Bilddetails:

Das Bild zeigt eine Nahaufnahme eines abgesägten Asts oder Baumstammes. In der Mitte befindet sich ein kleines, schwarzes Loch, das tiefe Risse nach außen zieht. Die Risse werden immer feiner und schmaler, je weiter sie von dem Loch in der Mitte entfernt liegen. Schwach lassen sich außerdem Jahresringe des Baums erkennen, die ganz fein vom Mittelpunkt gleichmäßig, aber nicht ganz rund nach außen verlaufen. Der Fluchtpunkt des Bildes ist gleichzeitig auch der Mittelpunkt. In den größeren Rissen finden sich kleine weiße Steinchen und zarte grüne Blättchen.

Interpretation:

Das schwarze Loch in der Mitte mit den springenden Rissen nach außen drücken die Intensität und Tiefe des Gefühls aus. Die kleinen wellenartigen Risse stehen für das Zerfließende, Warme, Entspannende, in die Weite gehende. Wie eine horizontale und vertikale Ausdehnung, die (wieder neuen) Raum schafft und etwas in sich zu bergen vermag. Die grünen Pflänzchen sind wie kleine, neue Gefühle, die in diesem Heilungs- und Schutzraum entstehen. Sie symbolisieren das Zarte, Natürliche des Gefühls, das in dieser Weite existiert. Die Jahresringe sind wie zusammenhaltende Membrane. Sie und die kleinen Risse zusammen ergeben eine doppelte Stabilität. Sie bilden eine Art Auffangnetz. Dabei ermöglichen die Risse ein tiefes weites Mitgehen in mein Empfinden hinein und die Membranen sichern ab, dass die Risse mit dem Gefühl nicht ins Nichts laufen oder entschärfen von außen kommende „Reize“ und machen sie dadurch annehmbarer und integrierbarer.

Kernaussage:

Das Gefühl ist wie eine Ausdehnung in horizontaler und vertikaler Richtung. Der dadurch entstehende Raum ist gekennzeichnet durch eine doppelte Stabilität, da einerseits das Gefühl nicht ins Nichts abtaucht und gleichzeitig von außen Kommendes entschärft und annehmbar gemacht wird. Zudem kann dieser Raum jede beliebige Tiefe und Intensität erreichen.

Weitere Anmerkungen:

Die Nachwirkungen des Prozesses waren noch einige Stunden spürbar. Besonders direkt nach dem Ende des Schreibprozesses hatte ich Schwindelgefühle, eine leichte Übelkeit und einen stechenden Schmerz in der Brust. Ich vermute, dass diese Empfindungen den Kontrast zu dem erforschten Gefühl der Weite verdeutlichen und verstärkt haben. Später stellte sich dann eine unglaublich tiefe, dicke, feste und schwere Ruhe und Entspanntheit ein, sowie eine starke körperliche Müdigkeit. Der Schmerz in meiner Brust hat sich von etwas Brennendem gewandelt zu einem dumpfen Pochen. Wie bei einem Kind, das sehr lange geschrien hat und vor Erschöpfung einschläft.

Nachdem ich den Prozess gelesen und die Schritte innerlich-mitspürend nachverfolgt habe, schlage ich vor, dem Aspekt der doppelten Stabilität, der in der Kernaussage herausgearbeitet wurde, noch mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Konkrete Fragen in einem Therapiegespräch könnten z.B. lauten:

  • Wo im Leben findest Du diese Beziehung der doppelten Stabilität bereits ansatzweise verwirklicht?
  • Wie kannst Du die beiden Seiten des „Doppelten“ jeweils einzeln stärken?
  • Wie sind sie miteinander verbunden? Was macht ihre Verbundenheit und ihre Kraft aus?
  • Wie lässt sich diese Kraft ins Leben transferieren? Welche konkreten Handlungsschritte, die Du ganz sicher tun kannst, wären ein bisschen so wie „doppelte Stabilität“?