Fremde Kulturen

Im folgenden Beispiel reflektiert eine Studierende der Sonderpädagogik die Planung einer Unterrichtsstunde zum Thema „Fremde Kulturen“. Die kursiv abgedruckten Formulierungen der folgenden Absätze sind der Mitschrift eines (etwa 45-minütigen) Sprachfindungsprozesses entnommen.

Schritt 1: Entscheiden Sie sich für ein Bild

Gewählt wurde Karte Nummer 31.

Karte # 031

Schritt 2: Sammeln Sie Bilddetails

Man kann auf dem Bildvordergrund einen Teil des Wurzelstockes eines Baums erkennen. Da der Baum auf einer Erhöhung steht und die Erde von der abschüssigen Seite weggewaschen wurde, sieht man sehr viel mehr von dem Wurzelstock als normalerweise bei Bäumen. Die Wurzeln wachsen von unten nach oben. Sie haben alle das gleiche Ziel (=den Stamm), verlaufen aber auf unterschiedlichen Bahnen. Manche Wurzeln schließen sich zusammen und bilden zusammen mit anderen eine dickere Wurzel. Die Wurzeln sehen von außen aus, wie der Stamm eines Baumes. Zwischen den Wurzeln wächst teilweise Moos oder liegen abgestorbene Blätterreste. Interessant ist, dass der Wurzelstock dicker und vielfältiger erscheint, als der Stamm.

Schritt 3: Verbinden Sie die Details mit dem Thema

Sichtbarkeit des Wurzelstocks: Wie bei dem Wurzelstock sieht man von außen betrachtet bei Kulturen nur einige wenige Teilaspekte. Der Baum besitzt sicherlich mindestens doppelt so viele Wurzeln, als die, welche wir sehen können. Verschiedene Kulturen besitzen verschiedene Angewohnheiten und typische Muster, welche erst nach und nach für einen Außenstehende sichtbar werden, indem er sich aktiv mit ihnen auseinandersetzt. Wie lange es gedauert hat, bis die Wurzeln vom Regen freigespült worden sind, so lange dauert es, Teile einer fremden Kultur zu begreifen.

Wachstum der Wurzeln: Die Wurzeln verlaufen in eine Richtung und ergeben einen Stamm. Dieser Stamm stellt die heute vorherrschende und gelebte Kultur dar. Allerdings finden sich die Gründe, warum beispielsweise Traditionen heute noch leben, in der Vergangenheit, in dem Wurzelstock (=Geschichte) der gelebten Kultur. Diese können sehr unübersichtlich sein, da sie kreuz und quer verlaufen, unter anderen Wurzeln hindurch, und sich mit anderen verbinden. So ist Geschichte auch, denn je nach Überlieferung wird ein neuer Aspekt von ihr aufgedeckt.

Moos und Blätterreste: Kulturen unterliegen verschiedensten Einflüssen und beeinflussen sich gegenseitig. Ebenso, wie das Moos die Erde für die Wurzeln teilweise feucht hält und sich die Umgebung für das Wurzelwerk ändert, je nachdem, welche Jahreszeit ist.

Schritt 4: Formulieren Sie eine Kernaussage

 Kulturen erlebbar oder begreifbar zu machen, ist ein unmögliches Unterfangen. Es kann höchstens wie in der Biologie eine klischeehafte Darstellung von einem Wurzelstock durchgenommen werden. Jedoch niemals ein individueller Wurzelstock wie auf dem Bild. Bei Kulturen ist es das gleiche. Niemals kann eine Kultur genau verständlich dargestellt werden, da selbst, wenn man alle Sachverhalte klärt, das emotionale Erleben nicht begreifbar und nachvollziehbar ist.

Die Kernaussage, die der Sprachfindungsprozess hervorgebracht hat, lautet: „Fremde Kulturen im Unterricht begreifbar zu machen, ist ein unmögliches Unterfangen, da das emotionale Erleben nicht begreifbar ist.“ Mit dieser Aussage könnte die Studentin in eine Diskussion mit Kommilitonen eintreten. Oder die Aussage könnte zu einer These für eine Hausarbeit werden, die mit Literatur genauer unterfüttert und/oder kontrovers diskutiert werden kann. Sie beschreibt eine Grenze, an die man als Lehrkraft kommt, wenn man versucht, das Wesen einer anderen Kultur im Unterricht zu vermitteln.

Schritt 5: Folgeprozesse

Ein möglicher Folgeprozess könnte mit einer komplementären Bildkarte erfolgen. Das ist eine Karte, die das genaue Gegenteil der ersten Kernaussage versinnbildlicht. Eine Frage, die diesen Folgeprozess einleitet, könnte lauten: Wie kann das emotionale Erleben einer fremden Kultur im Unterricht begreifbar gemacht werden?

In einem kleinen Nachgespräch lautet die eigene Einschätzung der Studentin bezüglich des Prozesses: „Ich bin wieder überrascht, was dabei rauskam!“